Institutionelle Selbsterhaltung
Institutionen beginnen ab einem gewissen Reifegrad, ihre eigene Erhaltung über ihren ursprünglichen Zweck zu stellen.
Mechanismus: Robert Michels beschrieb 1911 das „Eherne Gesetz der Oligarchie": Jede Organisation, die groß genug wird, entwickelt eine Führungsschicht, die primär an Selbsterhalt interessiert ist. Missionsdrift und Ressourcensicherung verdrängen graduell den ursprünglichen Zweck. Entscheidungen werden nach Überlebenskriterien gefällt, nicht nach Wirkungskriterien.
Erkennungsmerkmale: Institutionen, die größere Ressourcen für Selbstdarstellung aufwenden als für ihre Kernaufgabe. Systeme, die Kritik als Bedrohung behandeln statt als Feedback. Organisationen, die ihre eigenen Misserfolge nicht dokumentieren. Strukturen, die schwieriger zu beenden als zu gründen sind.
Erscheinungsfelder: Politische Parteien (Machterhalt vor Programm), Kirchen (Institution vor Botschaft), Entwicklungshilfeorganisationen (Projektfortführung vor Wirkung), Konzerne (Quartalslogik vor Unternehmenszweck), Universitäten (Reputationsmanagement vor Erkenntnissuche).
Erkennungsmerkmal: Wenn eine Institution nicht mehr erklären kann, warum es sie noch braucht – aber sehr wohl, warum sie weitermachen muss.
Wissenschaftliche Grundlagen
- Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie (1911) Klinkhardt Das Eherne Gesetz der Oligarchie: Jede Organisation entwickelt unvermeidlich eine Führungsschicht, die primär an Selbsterhalt interessiert ist
- Victims of Groupthink (1972) Houghton Mifflin Gruppendenken: Organisationen fällen kollektiv Entscheidungen, die ihre eigene Kohärenz sichern statt die Realität abzubilden
- Leadership in Administration (1957) Harper & Row Institutionalisierung als Prozess: Werte werden zu Strukturen, Strukturen zum Selbstzweck – Missionsdrift als Normalfall